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Advent Gebt Acht und bleibt wach!

Veranstaltungen

Mi 02.12.2020,
18:00 UhrAdvent - Gebt Acht und bleibt wach!

28.10.2020

75 Jahre Weltkriegsende – erinnern, nicht vergessen!

Ein Bericht von Margret Dieckmann-Nardmann


Am 27. Januar 2020 jährte sich die Befreiung von Auschwitz und am 8. Mai 2020 das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Ein Jahr des Gedenkens?, sollen wir nicht die Vergangenheit ruhen lassen?, einen Schlussstrich ziehen?

„Warum machen Sie das?, was hat Sie motiviert diese Veranstaltung zu initiieren?“, wurde ich gefragt. Und eine Teilnehmerin „Warum tust Du Dir das an und gehst zu der Veranstaltung?“

Bei beiden von uns sind es die Eltern, der Vater, die Mutter, die den Krieg als Jugendliche erlebt haben, die heranwuchsen in den Wirren des Krieges, der Gewalt und Verrohung, der Unmenschlichkeit, Stigmatisierung und Ausgrenzung  bestimmter Gruppen, der Krieg, der Familien spaltete, Tod  und unendliches Leid  in die Familien brachte.

Diese „verrückte Zeit“, so nannte die Kriegszeit ein Zeitzeuge an dem Nachmittag in der St. Josef Kirche hat auch mich geprägt: die vielen Erzählungen in der Kindheit von den Schicksalen in der eigenen Familie, viele Tanten waren „Kriegswitwen“,  Geschichten von Gefangenschaft, den getöteten, verletzten Brüdern unserer Eltern, Onkel, Vergewaltigungen, das unendliche Leid und das Zusammenleben mit Geflüchteten hat sich irgendwo auch bei mir eingegraben. 

Befreiend, wenn dann der Vater das Schweigen bricht im höheren Alter, einfach weint und hier und da erzählt, oftmals ohne Zusammenhang und dann auch das Unausgesprochene eingeordnet werden kann und nach 76 Jahren an den Ort zurückkehren will, an dem er als Jugendlicher mit anderen 16 jährigen Deutschland retten sollte – „solch ein Irrsinn!“ Manches Verhalten wird verständlicher, das rastlose Tun, die Dankbarkeit für das Leben und die Zeit, jeden Tag zu nutzen, zu schaffen, um Gutes für die Gesellschaft sichtbar werden zu lassen, Gemeinschaft zu fördern, einander zu helfen, die Not anderer erkennen…. 

Was hat diese Erfahrung mit den Kriegsjugendlichen, -kindern gemacht und was haben sie an uns und ihre Enkel weitergegeben?

In Trauergesprächen höre ich von den Lebensgeschichten, die sich auch in  dieser Zeit zugetragen haben.

Männer und Frauen aus Hilter, Wellendorf, Borgloh, Dissen und Bad Rothenfelde haben sich in der St. Josef Kirche in Hilter  versammelt und hören der jungen Studentin der Rechtswissenschaften, Isabell Stelte aufmerksam zu. Sie berichtet eloquent und authentisch von ihren Erfahrungen in der internationalen Begegnungsstätte Oswiecim, Auschwitz/Polen und dass es letztendlich die Begegnung mit Zeitzeugen war, die sie mit ihren Berichten auf die Spur gesetzt haben, sich den Themen Erinnerung, Kriegserfahrungen und deren Bedeutung heute zu widmen.

Der Musiker Daniel Graumann, Borgloh findet virtuos die passenden Töne auf seiner Klarinette und Gitarre zwischen den drei Themeneinheiten: „Die Bedeutung von Augenzeugenberichten heute“ , „Zeugen des Zweiten Weltkrieges berichten“ und „Kriegsende in Hilter, dargelegt von Bürgermeister Marc Schewski“.

Nicht zuletzt die Erfahrungen seiner Familie haben ihn veranlasst diese Stunden mitzugestalten und er berichtet von seinem Urgroßvater und seiner Urgroßmutter im Widerstand in Spanien und ihrer Tötung während der Franco Diktatur.

Aber auch die Erlebnisse, die persönliche Beschimpfung bringt er ins Wort, die heute erfahrbar ist, wenn er Klezmer Musik spielt, die er einfach mag.

 

Ca. 15 Berichte, Telefonaufzeichnungen liegen von Zeitzeugen vor. 

Damals im Jahr 1945 waren sie Kinder von 7, 9 und 10 Jahren und dann stehen sie dort am Mikrophon in der St. Josef Kirche. Sie wollen nicht sitzen beim Sprechen. Vier Männer und eine Frau berichten bewegt aus ihren Kindertagen, ihrer Schulzeit während der Kriegszeit, was sie als Kind von den Erwachsenen hörten, eigentlich nicht wissen durften und den Erinnerungen als „Flüchtlinge“, bisweilen auch „Pollaken“ genannt, die wochenlang durch die Städte, Dörfer zogen, Familienangehörige zurücklassen, ihre Heimat verlassen mussten, das war ein „Befehl“, am Bahnhof in Hilter wie 28.000 andere Geflüchtete ausstiegen, umstiegen nach tagelanger Fahrt in Viehtransporten. Und immer wieder die geschilderte Erfahrung mit Menschen, die es gut mit ihnen meinten oder auch nicht, sowie Erinnerungen, die sie an sich vor kurzem erst bewusst als Folge von Erlebnissen damals verstanden haben. Sie berichten, als liefe der Film vor ihren Augen ab, als wären sie mitten im Geschehen von  vor 75 Jahren.

„Der grausame Zweite Weltkrieg gehört seit dem 8. Mai 1945 der Vergangenheit an“.  ´Vergangen heißt jedoch nicht vergessen`, so ein Zeitzeuge. 

`“Wir hatten viel Angst. So ein sinnloser Krieg darf sich nicht wiederholen“, schrieb eine 90 jährige Frau aus Bad Laer. 

Wir brauchen diese Erinnerung, wir brauchen diese Menschen, die uns berichten, um Zukunft zu gestalten. Vielleicht können wir dadurch auch die weltweit bekannte „German Angst“ den Missmut, den Pessimismus und das Sicherheitsbedürfnis vieler Deutscher bewältigen.

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, diesen Satz des jüdischen Mystikers Baal Schem Tov aus dem 18. Jahrhundert, der in der jüdischen Gedenkstätte Yad Vashem graviert ist, hat Richard von Weizäcker, Bundespräsident in seiner Rede vom 8. Mai 1985 zitiert. 

Erinnerungen, die uns Geschichte denken und nicht einfach das Ereignis feststellen lassen. Erinnerungen, die etwas in uns bewirken.

Aktiv sich auseinandersetzen, Festgeschriebenes hinterfragen und Gleichgültigkeit nicht zulassen.

Eine Reaktion nach der Veranstaltung: 

„Dieser Nachmittag  wirkt noch nach, intensiv, berührend, bedrückende Erlebnisse, eindrucksvoll, und wenn ich die Männer und Frau dort stehen seh und sie berichten, dann geht das wirklich tief “. 

Die Zeitzeugen aus Hilter, Isabell Stelte und Daniel Graumann erhalten eine große Wertschätzung für ihren Beitrag an diesem Nachmittag und jeder geht anders nach Hause zurück. 

Die Geschichte geht weiter, wir gestalten sie mit, vielleicht bewusster nach solch einem Nachmittag. Hoffentlich!

Ostbevern, 21.10.2020, Margret Dieckmann-Nardmann  

 

 

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